Zur Aufklärungspflicht von Tierärzten

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Auch Tierärzte trifft grundsätzlich eine vertragliche Aufklärungspflicht. Sie müssen den Eigentümer eines Tieres (hier: ein teures Dressurpferd) bei besonders risikoreichen Behandlungen und davon auch betroffenen finanziellen Eigentümerinteressen über Risiken einer tierärztlichen Behandlung und über mögliche Behandlungsalternativen aufklären.

Ein dänisches Ehepaar hatte im Jahre 2006 ein Dressurpferd für 300.000,00 € erworben. Im Mai 2008 fiel das Pferd auf einem Turnier in den Niederlanden durch fehlende Elastizität und fehlenden Schwung auf. Ein Tierarzt aus Bochum wurde zu Rate gezogen. Dieser stellte nach einer Röntgenuntersuchung die Verdachtsdiagnose der Ataxie und empfahl eine chiropraktische Maßnahme. Die Eigentümer des Pferdes stimmten der Behandlung telefonisch zu.

Die chiropraktische Behandlung fand in der deutschen Tierarztpraxis statt. Das Pferd wurde dafür in Kurznarkose gelegt. Nach der Behandlung konnte das Pferd nicht mehr selbstständig aufstehen und verstarb einen Tag später.

Die Eigentümer verlangten Schadensersatz für den Verlust des Tieres in Höhe von rund 500.000,00 €. Der behandelnde Tierarzt habe das Pferd unzureichend untersucht und falsch behandelt. Außerdem seien sie als Tierhalter unzureichend über Risiken und Behandlungsalternativen aufgeklärt worden.

Das Oberlandesgericht Hamm gab den Eigentümern des Pferdes Recht. Sie haben Anspruch auf Schadensersatz. Über die konkrete Höhe muss allerdings die Vorinstanz neu verhandeln.

Zur Begründung führten die Richter aus, der Tierarzt hat seine vertragliche Aufklärungspflicht verletzt. Diese ist bei Tierärzten zwar nicht mit der in der Humanmedizin zum Schutz des Selbstbestimmungsrecht des Patienten gebotenen Aufklärung zu vergleichen. Dennoch trifft auch einen Tierarzt eine vertragliche Aufklärungs- und Beratungspflicht. Bei besonders risikoreichen Behandlungen und auch finanziellen Eigentümerinteressen muss der Tierarzt den Eigentümer über die Risiken der Behandlung und über andere Behandlungsmöglichkeiten aufklären. Das wurde im vorliegenden Fall versäumt.

Ein tiermedizinischer Sachverständiger hat dazu im Prozess die medizinischen Alternativen vorgestellt (z.B. medikamentöse oder chiropraktische Behandlung am stehenden Pferd).

Die Eigentümer des Dressurpferdes gingen hier von einer eher kleinen gesundheitlichen Beeinträchtigung ihres Pferdes aus. Mangels ausreichender Aufklärung hatten sie keine Möglichkeit, sich zwischen den Behandlungsalternativen zu entschieden. Sie konnten glaubhaft darlegen, dass sie bei ordnungsgemäßer Aufklärung in die vom Tierarzt durchgeführte Behandlung nicht eingewilligt hätten. Vielmehr hätten sie zunächst eine zweite Meinung von einem dänischen Tierarzt ihres Vertrauens eingeholt (OLG Hamm, Urteil vom 13.1.2015, 26 U 95/14 ).

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