Mindestlohn als Grundlage der Nachzahlung für Dauerpraktikantin

 - 

Eine als Praktikantin angestellte Mitarbeiterin, die mehr als fünf Jahre lang 43 Stunden pro Woche für ein Monatsgehalt von nur 300,00 € beschäftigt war, kann verlangen, dass der Arbeitgeber Vergütung, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge nachzahlt. Grundlage der Vergütung für Dauerpraktikanten ist der Mindestlohn.

Als 16-jährige Realschulabsolventin fing die heute 21-Jährige bei einem Versicherungs- und Finanzvermittler an zu arbeiten. Sie wollte als Bürokraft eingestellt werden, erhielt aber einen als Praktikumsvertrag überschriebenen Vertrag, der die Ausbildung zur Finanzfachwirtin vorbereiten sollte. Die Ausbildung fand aber nur gelegentlich statt.

Der Praktikumsvertrag regelte eine Arbeitszeit von 43 Wochenstunden, Überstunden wurden nicht bezahlt. Die Praktikantin erhielt somit ein monatliches Entgelt von 300,00 €, was einem Stundenlohn von rund 1,70 € Euro gleichkommt. Auf Grundlage dieses Vertrages war die junge Frau rund fünfeinhalb Jahre für den Arbeitgeber tätig.

Als sie bei der Prüfung zur Fachberaterin bei der IHK durchfiel, kam es zum Streit – auch über die Vergütung.

Das Landesarbeitsgericht München entschied, der Arbeitgeber muss rund 50.000,00 € an eine ursprünglich als Praktikantin eingestellte Arbeitnehmerin nachzahlen. Die vereinbarte Vergütung ist sittenwidrig und damit nichtig.

Der Arbeitgeber schuldet der Frau stattdessen einen angemessenen Lohn. Denn zwischen den Parteien besteht ein Arbeitsverhältnis. Daran ändert auch der als Praktikumsvertrag bezeichnete Vertrag nichts. Eine Ausbildung fand nicht statt und die Tätigkeit diente auch keinem Praktikumszweck. Vielmehr erbrachte die Frau die üblichen Arbeitsleistungen wie die anderen Mitarbeiter auch.

Die Richter sprachen der Mitarbeiterin als angemessene Vergütung den Mindestlohn in Höhe von 8,50 € pro Stunde zu. Dieser gilt auch für Praktika, die länger als drei Monate dauern und nicht im Rahmen eines Studiums vorgeschrieben sind. Hier waren im Ergebnis rund 50.000,00 € für Lohn, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge nachzuzahlen (LAG München, Urteil vom 13.6.2016, 3 Sa 23/16 ).

URL:
https://www.rechtstipps.de/beruf-arbeit-ausbildung/arbeitnehmer/dauerpraktikantin-mindestlohn-als-grundlage-der-nachzahlung-fuer