Mehrere Ärzte übersehen einen Bruch - wer haftet?

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Eine nicht erkannte Kreuzbeinfraktur stellt einen groben Behandlungsfehler dar. Für die hieraus resultierenden Gesundheitsschäden der Patientin haften sämtliche behandelnden Ärzte.

Die damals 62-jährige Patientin war auf ihr Gesäß gefallen und hatte solche Schmerzen, dass sie sich in ärztliche Behandlung begab. Der zunächst behandelnde Chirurg stellte eine Knochenhautreizung am Steißbein fest und spritzte der Patientin mehrfach Schmerzmittel.

Da die Beschwerden immer schlimmer wurden, suchte die Patientin rund einen Monat später ein therapeutisches Institut auf. Dort machte man ein MRT und es erfolgten weitere Injektionen. Insbesondere spritzte man ihr etwas in den Spalt, der aufgrund des Bruches entstanden war. Im Laufe der Behandlung steckte sich die Patientin mit dem Staphylococcus aureus (MRSA) an. In der Folge erlitt sie viele Abszesse, ein lebensgefährliches multiples Organversagen und musste sich mehreren Operationen unterziehen. Sie wurde monatelang stationär behandelt und leidet bis heute unter Narbenschmerzen. Außerdem ist sie immer noch in ihrer Bewegung eingeschränkt. Aufgrund mehrerer Sachverständigengutachten sprach das Landgericht Bochum der Patientin 100.000 € Schmerzensgeld, rund 12.000 € Schadensersatz und ihrer Krankenversicherung rund 530.000 € Schadensersatz für die medizinischen Folgebehandlungen zu. Die Ärzte gingen hiergegen an.

Das Oberlandesgericht gab der Patientin jedoch Recht und bestätigte die Urteile des Landgerichts. Der Chirurg hätte spätestens, als sich die Beschwerden trotz Injektion eines Schmerzmittels nicht besserten, auf eine bildgebende Diagnostik (z.B. MRT) zurückgreifen müssen, was er unterließ. So konnte er den Kreuzbeinbruch nicht diagnostizieren, was einen groben Behandlungsfehler darstellt. Denn aufgrund des Steißbeinbruches war die Therapie mittels Spritzen die falsche Wahl.

Der zweite Mediziner veranlasste zwar ein MRT, aber weder er noch seine Mitarbeiter erkannten die gut sichtbare Fraktur darauf. Auch er muss sich also einen groben Behandlungsfehler zurechnen lassen. Für die gesundheitlichen Folgen haften beide Ärzte im vollen Umfang. Denn die hieraus resultierende Beweislastumkehr sorgt dafür, dass jeder der Ärzte beweisen muss, dass seine Injektion nicht zu der Infektion geführt hat. Da keiner der beiden Ärzte das kann, sind die weiteren Folgeschäden ihnen zuzurechnen (OLG Hamm, Urteil vom 4.12.2015, 26 U 32/14 und 26 U 33/14 ).

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